Anlegen eines Herbars

Wer eine Frage zur Botanik im Allgemeinen hat, kann sie hier stellen!

Moderatoren: Sabine, Jule, akw

Murx Pickwick
Beiträge: 76
Registriert: 12.07.2011, 22:09

Re: Anlegen eines Herbars

Beitragvon Murx Pickwick » 12.09.2011, 13:53

Ja, das ist verständlich beschrieben ... und mit Sicherheit keine schlechte Idee.
So getrocknet nehmen sie halt mehr Platz weg, ist ja mehr oder weniger für jede Pflanze eine Schachtel oder ein Karton. Aber wenn ich das mit den problematischen Gruppen mache zusätzlich zum Herbar, wird mir das mit Sicherheit gut helfen.

Wobei ... das bringt mich auf ne ganz andere Idee ... wenn ich jetzt nen Schrank baue für die Kästen und dort getrocknete Pflanze, gepreßte Pflanze, Photos und Infos jeweils für eine "Schublade" mache, hab ich alles zusammen. Bei schätzungsweise höchstens 150 Krautarten sollte sich für einen solchen Schrank noch Platz finden lassen, zumal ja diese Schubladenkästen für die meisten Pflanzen nicht sehr hoch sein brauchen.
Noch einen Vorteil hätte es, da ich damit dann auch gleich noch so eine Art private "Samenbank" anlegen könnte ... was ich an Kräutern und Gräsern brauche, kann ich dann für den nächsten Umzug in Form von Samenschächtelchen einfach in ne Umzugskiste packen und hab dann gleich für den nächsten Balkon/Garten, was auch immer, die richtige Bepflanzung.

Benutzeravatar
Hegau
Beiträge: 3943
Registriert: 17.04.2004, 20:50
Wohnort: Singen
Kontaktdaten:

Re: Anlegen eines Herbars

Beitragvon Hegau » 12.09.2011, 22:17

botanix hat geschrieben:Hallo Thomas,

ich will dir ungern widersprechen, aber kühl und im Plastiksack trocknen?? Das widerspricht sich doch. Warme Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen und im Plastiksack kann die Feuchtigkeit der Pflanzen nicht entweichen. Pflanzen niemals im Zeitungsdoppelbogen - bei mir alle! Ich wechsle nur die dünnen Pappzwischenlagen (wenn überhaupt) und nur bei sehr feuchtem Material auch die Wellpappen. Diese Methode wende ich auch bei meiner großen A3-Presse an, die eine Aufnahme von 50 cm hat, dann allerdings mit Infrarotstrahler (Zeitschaltuhr gesteuert 30 min an, 15 aus) und teils noch Computerlüfter zur Unterstützung der Luftströmumg durch die Wellpappe. Solange die kleine Presse (20 cm Fassungsvermögen) ausreicht und die Heizung läuft, stelle ich die Presse einfach auf den Heizkörper, an warmen Tagen in die Sonne auf den Balkon. Bin nicht der einzige, der so verfährt. Natürlich darf die Heizung nicht heiß sein, sondern nur gut handwarm, 30 - 40 Grad. Sind die Pflanzen zu lange auf der Heizung, können sie wohl spröde werden, jedoch nehmen sie danach auch wieder Luftfeuchte auf und die Sprödigkeit normalisiert sich.
Das fixieren mit Papierklebestreifen dient auch dazu, einzelne Pflanzen später einmal abzulösen und von beiden Seiten betrachten zu können. Daher verstehe ich nicht, wieso du deine Pflanzen, zwar mit wasserlöslichem, aber trotzdem Kleber aufklebst.
Deine Lösung sieht praktikabel aus, trotz DIN A4-Format, doch leuchtet mir nicht alles ein.

Gruß

Peter


Hallo Peter,

der Plastiksack ist nötig, wenn die Luftfeuchtigkeit im Raum zu hoch ist (in der Wohnung immer außer im Hochsommer, im Keller oder Kühlschrank zwangsläufig, auf Exkursion im Zelt genauso, vor allem bei Regenwetter). Das Trockenpapier nimmt die Luftfeuchtigkeit auf und kann den Pflanzen das Wasser nicht mehr entziehen.
Kühl heißt im Normalfall bei Raumtemperatur. Bei einigen Pflanzen (z.B. Glockenblumen ist es aber nötig, diese bei unter 5°C zu pressen, damit die Blütenfarbe erhalten bleibt.
Beim Pressen werden die Pflanzenzellen zerstört, Enzyme aus der Vakuole gelangen an die Farbstoffe und zerstören diese. Je kühler und je schneller eine Pflanze getrocknet wird, umso weniger können diese Enzyme ihr Werk vollenden. An der Uni werden die Pflanzen deshalb im Kühlraum gepresst.

Niemals in Zeitungsdoppelbögen, weil man dadurch die Pflanzen nicht wiederfindet. Was hab ich schon an tollen Sachen durch Unachtsamkeit in den Altpapiercontainer entsorgt!

Papierwechsel ist das A und O: umso schneller trocknen die Pflanzen und umso besser ist das Ergebnis.

Ich musste in 20 Jahren Botanik noch nie eine Pflanze vom Herbarbogen ablösen. Man muss einfach dafür sorgen, dass man genügend Material sammelt ("Massentierhaltung", wir wollen schließlich Wissenschaft betreiben und keine "Blümchen" auf Karten kleben), so dass man z. B. genügend Blüten hat, sie von mehreren Seiten aufzukleben. Dasselbe gilt für die Blätter. Selbstverständlich müssen Ober- und Unterseite sichtbar sein. Es muss auch genug Material da sein, um ggf. mal eine Blüte zerpflücken zu können, um z. B. die Fruchtknoten zu studieren.
Der Vorteil der Klebung (lösemittelfrei, um das Fädenziehen und für die Pflanzen schädliche Lösungsmitteldämpfe zu vermeiden) ist, dass die Pflanze überall fest mit der Unterlage verbunden ist. Man kann also problemlos den ganzen Bogen aus der Hülle nehmen und unterm Bino betrachten, ohne dass man Angst haben muss, dass etwas abbröselt, was bei Klebestreifen leider oft der Fall ist. Ältere Klebestreifenherbarien gleichen oft einer losen Bröselsammlung.

Das A4-Format ist einfach praktischer zu lagern als A3. Man kann die Pflanzen ja entsprechend in Stücke schneiden (bei Gräsern z.B. den Horst mit der unteren Hälfte der blühenden Triebe und daneben die abgeschnittenen blühenden Triebe (natürlich immer genug Ähren, um sie unterm Bino studieren und zerpflücken zu können!).

Gruß Thomas
Online-Exkursionsflora für den Alpenraum http://www.tkgoetz.homepage.t-online.de ... ahome.html

Kartierung der Laufkäfer im Kreis Konstanz http://www.tkgoetz.homepage.t-online.de/Laufkaefer.html

Benutzeravatar
botanix
Beiträge: 3001
Registriert: 31.05.2007, 21:31
Wohnort: Gießen

Re: Anlegen eines Herbars

Beitragvon botanix » 12.09.2011, 22:46

Hallo Thomas,

ok, hier spricht der reisende Botaniker: unterwegs im Zelt bei Regenwetter und mit ständigem wechseln der Zwischenlagen im Plastiksack trocknen.
Wenn die augeklebten Pflanzen in der Klarsichthülle stecken können natürlich auch keine Bögen verkleben, an der Folie haftet nix. Drehe auch immer einen Teil der Blätter um. Samen in Papiertüte.
Allerdings hat die von mir beschriebene Methode, die von vielen Botanikern so gehandhabt wird, zu Hause durchgeführt, auch gute Ergebnisse. Glockenblumenblau bleibt bei schneller Trocknung über Infrarotlampe auch blau (trotz Wärme). Betonung liegt auf schnell, was mit der Lampe unabhängig von Luftfeuchte sehr gut gelingt.
Den Zeitungsdoppelbogen finde ich nicht schlecht: darin sind die Pflanzen. Zwischenlagen sind bei mir aus Einfachpappen aus dem Supermarkt. Wird die Presse geleert wandern alle Zeitungsbögen in die Herbarkiste, Einfachpappe und Wellpappe werden nach trocknen wieder verwendet. Zeitungsbögen nehme ich nicht als Zwischenlagen. Dadurch gibts kein unbeabsichtigtes entsorgen von Belegen.
Für Exkursionen ist die Gitterpresse allemal transportabler...
Deine Ordnerversion ist natürlich als Referenzherbarium sehr praktisch.

Gruß

Peter
alte Botanikerweisheit: man sieht nur was man kennt

Murx Pickwick
Beiträge: 76
Registriert: 12.07.2011, 22:09

Re: Anlegen eines Herbars

Beitragvon Murx Pickwick » 13.09.2011, 01:38

Vielen Dank für die Erklärungen zur kühlen Pressung ... ich werd einfach alles ausprobieren, so find ich "meinen" Weg wohl am Schnellsten.

Bei einigen Pflanzen (z.B. Glockenblumen ist es aber nötig, diese bei unter 5°C zu pressen, damit die Blütenfarbe erhalten bleibt.

Ich hätt nicht gedacht, daß die Farbe der Glockenblumen ein Problem darstellen könnte ... wir hatten als Kinder viel Pflanzen gepreßt, einfach Pflanzen zwischen Löschpapier gepackt und in schwere Bücher deponiert. Alles, was kind an schweren Büchern von den Eltern erbetteln konnte, wurde dann auf die Bücher mit dem Preßgut gestapelt ... am besten eignete sich fürs Pressen der Brockhaus von 1901 - 1904, waren alle Bände vollständig aufgestapelt, ging das Pressen recht schnell und man hatte das Ergebnis nach zwei bis drei Tagen
Die Seiten modernerer Bücher saugten die Feuchtigkeit nicht so gut auf - und alles, was modernes Hochglanzpapier ist, geht schon mal gar nicht ... da hilft dann nicht mal mehr das Löschpapier.

Wir hatten damals auch Glockenblumen gesammelt, die waren vor 30 Jahren sehr viel häufiger, wie heute (wie so viele Blumen, ich vermisse die bunten Wiesen, die ich noch als Kind kannte). Es war selten, daß mal ne Glockenblumen-Blüte nach der Brockhauspressung nicht mehr blau war.
Was mit der Brockhaustechnik gar nicht ging, das war alles, was dick war ... schon Löwenzahn war nicht mehr preßbar auf die Art und Weise, zumindest nicht, wenn man keinen Ärger mit seinen Eltern haben wollte ... die jammerten nämlich rum wegen eingedellter Seiten und kaputtgehenden Bindungen ...

So selten, wie Glockenblumen inzwischen sind, hab ich ein schlechtes Gewissen, auch nur ein paar Blüten für die Chins abzupflücken ... auch wenn ich weiß, daß der nächste Mäher aus den Glockenblumen noch vor dem Abblühen kurzen Prozeß macht.

Benutzeravatar
Dornenschrecke
Beiträge: 963
Registriert: 19.03.2006, 22:00
Wohnort: Hessisch Oldendorf

Re: Anlegen eines Herbars

Beitragvon Dornenschrecke » 22.09.2012, 16:14

botanix hat geschrieben: Da hilft nur die Zwischenlagen (und Wellpappen) täglich wechseln und Infrarotlampe (oder Elsteinstrahler -Terrariumwärmestrahler) unter der Presse aufstellen.

Kann man auch die normalen Infrarot-Lampen verwenden, oder sind diese dafür nicht geeignet (zu schwach), da ja ein Teil der Energie, in das Licht (mit-) umgesetzt wird.
Außerdem kann man sie nicht direkt senkrecht darunter verwenden, da es die Halterungen nicht hergeben, es sei denn man stellt sie "schräg", wäre dann aber ein zu hohes Sicherheitsrisiko.

Beispiel:

http://www.amazon.de/Sanitas-605-25-SIL ... pd_cp_dr_1


@ Murx

Was kam bei deinen Testergebnissen heraus?

Mit den Glockenblumen habe ich auch so meine Probleme. Irgendwie kann ich das "Blau" nur immer in der Spitzen der Kronblättern erhalten. Zum Glück sind diese hier nicht selten, ca. 100 St. davon wachsen jährlich auf meinem Rasen davon. Ich mähe auch um sie herum.
Gruß Dorni

Benutzeravatar
botanix
Beiträge: 3001
Registriert: 31.05.2007, 21:31
Wohnort: Gießen

Re: Anlegen eines Herbars

Beitragvon botanix » 28.09.2012, 23:30

Hallo,

also ich verwende einen handelsüblichen Infrarotstrahler (100W gibts mit Plastikgehäuse für 10 € in den Supermärkten für Wärmebestrahlung z.B. des Rückens)
Wichtig ist ausreichend Abstand zur Presse und intakte Wellpappenröhren, durch die Röhren steigt die warme Luft auf und nimmt die Feuchtigkeit des Pressguts mit.
Die Erwärmung der lampenzugewandten Seite mit Thermometer kontrollieren und über ausreichend Abstand regulieren bzw. auch mit Schaltuhr.
Es darf nichts auf die Strahler fallen !!! Bei meinem trapezförmigen Gestell (Grundmaß etwa 80 x 80 x 80 cm, oben in der Breite etwas schmäler, Presse liegt nur am Rand auf) ist oben unter der Presse ein Drahtnetz angebracht, welches dies verhindern soll.
Trotzdem ist regelmäßige Kontrolle anzuraten, besonders bei Verwendung des heißen Elsteinstrahlers. Das ist nicht ungefährlich!!
Das Gestell ist seitlich geschlossen, aber unten offen, wegen der nötigen Luftzufuhr. Ein Ventilator kann zugeschaltet werden (Einbauventilator für Geräte). Er sorgt für bessere Wärmeverteilung (Lampe strahlt ziemlich direkt nach oben - kreisförmiger Spot).

Alternativ stelle ich meine Presse im Sommer (ohne Lampe + Gestell) gerne in ein sonniges Fenster (oder auf den Balkon), links und rechts auf ein Holz, damit die Sonne noch die Fensterbank erwärmen kann und warme Luft aufsteigt. Ein- zweimal (nach 24 / 48 Stunden) die Pappzwischenlagen gewechselt ist das Ergebnis auch gut und zudem völlig ungefährlich und kostenlos getrocknet.

Wichtig beim herbarisieren ist das zügige trocknen, wechseln der Zwischenlagen und Wellpappen unterstützt das. Verwendet man die Infrarotlampe darf aber nicht zuviel Hitze produziert werden (zuviel Wärme läßt manche Pflanzen schwarz werden!) , Handwärme ist ausreichend. Der Wasserverlust beim trocknen der Belege führt zum nachlassen der Pressspannung, es muß nachgespannt werden, damit die Belege nicht schrumpeln, sondern sauber gepresst werden.

Solange die Heizung noch (oder wieder) in Betrieb ist, kann die Presse auch auf den Heizkörper gestellt werden (auch so, das die warme Luft durch die senkrechten Wellpappenröhren aufsteigt), der Heizkörper sollte nur eine milde Wärme produzieren.

Möglichkeiten gibt es mehrere, hängt natürlich auch von der Menge der Belege und ihrer Größe & Dicke ab (dicke Stängel = viel Wasser = trocknet lange).

Die Methode mit dem Infrarotstrahler führt auch bei ungünstigen Wetterverhältnissen, vielen Belegen und wenig Zeit zum Zwischenlagen wechseln zu brauchbaren Belegen. Allerdings ist ein stabiles Gestell mit Drahtgitter von Vorteil und aus Sicherheitsgründen auch nötig

Gruß

Peter
alte Botanikerweisheit: man sieht nur was man kennt

Benutzeravatar
Dornenschrecke
Beiträge: 963
Registriert: 19.03.2006, 22:00
Wohnort: Hessisch Oldendorf

Re: Anlegen eines Herbars

Beitragvon Dornenschrecke » 29.09.2012, 10:49

(Zitat aus der PN, vlt. interessiert es auch andere User:)

Hallo Peter,


deine Antworten haben mir sehr geholfen. Vielen Dank!

Aber erwärmen die Infrarotstrahler dann nicht die Drahtnetz-Abdeckung eher, als die darüber hängende Pflanzenpresse? Obwohl wenn die Maschenweite sehr hoch ist, müßte ja noch genug Energie durchgehen.
Ich habe da noch eine verstellbare, sehr stabile Hürde aus dem Fussballtraining, die scheint mir dafür gut geschaffen zu sein. Man kann ja die Presse oben mit Kabelbindern oder kleinen Gurten festmachen, ich presse ja maximal 7 Pflanzen auf einmal. Wellpappe habe ich schon aus der Firma, mal gucken wie ich die Seiten zumache.
Auf die 100 Watt-Keramikheizstrahler, wie in der PN geschrieben, verzichte ich dann doch. Im Zooladen eben hat ein St. knapp 23€ gekostet, so teste ich es erstmal mit den normalen Infrarotstrahlern für 7€. "Aufstocken" kann ich ja immer noch, wenn alles gut gelingt.

Stimmt, mit purer Sonne kann ich es ja auch mal versuchen. Müßte ja bei sogar den gleichen Effekt haben und wäre sogar umweltfreundlich. Hoffentlich lassen dann die extrem neugierigen Vögel hier, sie auch in Ruhe.


Ciao Tino
Gruß Dorni


Zurück zu „Allgemeine Botanische Fragen“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 6 Gäste